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Blockchain – Hysterie oder Chance?

Nach dem Wandel vom physikalischen Tonträger zum Streaming steht nun mit der Blockchain die nächste grosse Veränderung in der Musikindustrie vor der Tür. Sie hat das Potenzial die bisherigen Gewohnheiten und Strukturen in der Musikindustrie grundlegend und nachhaltig zu verändern. Die neuen Möglichkeiten der Monetarisierung, das grosse Potenzial in der Effizienz und die steigende Nachfrage nach Transparenz könnten für die etablierten Firmen eine Bedrohung darstellen – aber auch Chancen bieten. Doch was ist die Blockchain-Technologie genau, was sind ihre Stärken aber auch Schwachstellen und welche Bedeutung hat sie für die Musikindustrie? Diesen Fragen möchten wir in diesem Artikel nachgehen..

Was ist eine Blockchain?

Eine verständliche und gute Antwort auf die Frage findest du HIER.

Was bedeutet das für die Musikbranche?

In der Musikbranche kann sich das Prinzip der Blockchain vor allem in der Effizienz und der Transparenz auszeichnen. Dagegen stellen sich aber die Probleme einer weltweiten und akzeptierten Einigung des Urheber- und Leistungsschutzrechts. Daraus lassen sich zusammengefasst folgende Chancen und Risiken evaluieren.

Chancen:

  • vertrauenswürdig
  • dezentral
  • unveränderbar
  • Effizienzsteigerung
    • Der Weg zwischen Rechteinhaber und Konsumenten wird kürzer
    • keine Zwischenhändler
    • Steigert die Transparenz der Einnahmen aus Urheber- und Leistungsschutzrechten
    • weniger Kosten

Risiken:

  • exponentiell
  • nötige Standardsetzung und Kooperationszwang
  • unkontrollierbar
  • hohe Rechenleistung -> Energieverbrauch
  • Konflikt mit bestehenden Gesetzen

Effizienz heisst also das Zauberwort. Denn die Blockchain bietet völlig neue Möglichkeiten für vollautomatische (mittels Smart Contracts) und damit günstige Zahlungen. Die MusikhörerInnen bezahlen nur noch für die Musik, die sie auch tatsächlich hören – KünstlerInnen & RechteinhaberInnen erhalten ihr Geld umgehend und ohne komplexe Abrechnungsmodelle. Somit entfallen viele Zwischenstationen und den RechteinhaberInnen bleibt am Ende mehr Geld.

Beispiele in der Praxis

Ein Blick in die Praxis zeigt, dass vor allem Start -ups sich mit der Technologie der Blockchain beschäftigen. Dabei sind unterschiedliche und vielseitige Geschäftsmodelle mit dem Prinzip der Blockchain zu spannenden und durchaus vielversprechenden Projekten verschmolzen. Eine Übersicht von aktiven Projekten rund um die Blockchain.

Blockchain Start-ups:

etablierte Player:

  • Spotify
  • Apple Music
  • google Music
  • Sony
  • BMG
  • Universal

Beispiele:

Ujo Music

Ujo Music ist eine Art Label und versucht die Einnahmen gerechter zu verteilen. Sie nennen vor der Veröffentlichung alle Beiträge der einzelnen Teilnehmer zu dem Werk, um danach die Verteilung der Einnahmen entsprechend zu bestimmen. Egal ob es sich um Infos zu Songwriter, Producer, Marke der verwendeten Instrumente oder den bei der Produktion getrunkenen Café handelt. Alle Informationen werden zu Vermarktungszwecken genannt. Die Informationslage ist deutlich transparenter als bisher. Die zuvor festgelegten Handlungsfolgen und die Zuweisung der Einnahmen werden direkt nach dem Verkauf bzw. Download ausgeführt. Eine echte Alternative für die Major Labels können Plattformen wie Ujo Music jedoch nur darstellen, wenn diese auch Leistungen wie die Entwicklung von Künstlern, Vertriebswege, das Marketing und das Know-how innerhalb der Industrie bieten.

Vibrate

Das Start-up Vibrate hat sich zum Ziel gesetzt, Live-Auftritte dezentraler zu organisieren. Über eine Plattform werden Musiker, Booking-Agenturen und (Live-) Veranstalter zusammengebracht. Die Eventveranstalter können Musiker dabei anhand ihrer Social-Media-Kennzahlen bewerten, auswählen und direkt buchen. Die Beteiligten handeln über die Plattform ohne sonstige Intermediäre die Konditionen der Zusammenarbeit direkt aus.

Um nur zwei Beispiele zu nennen, die durchaus Potenzial haben den Markt in Zukunft nachhaltig zu prägen. So steht bei beiden ein solides aber dennoch exponentielles Geschäftsmodell dahinter und ist innerhalb der Blockchain beliebig skalierbar. Auch die monopolartigen Strukturen der Ticketverkäufer könnten mit der neuen Technologie aufgebrochen werden. Start-ups wie Vibrate, deren Konzept der direkte Verkauf von Veranstaltungstickets bedeutet, könnten so für frischen Wind sorgen.

ICO’s

Nicht nur die bereits existierenden und bekannten Projekte werden in Zukunft von sich hören lassen. So können Bands über sogenannte Initial Coin Offerings Kapital für z.B. die Aufnahmen eines neuen Albums beschaffen. Dabei wird eine Kryptowährung an die Anleger verkauft. Crowd-Founding 4.0 – nur viel effizienter, transparenter und sicherer. Eine entsprechende Plattform, die uns aufzeigt, wie es funktionieren kann, ist Pindify.

 

Herausforderungen, Chancen und Folgen

Sollten sich also Projekte rund um das Blockchain-Prinzip durchsetzen, würden einzelne Akteure in der bisherigen Wertschöpfungskette überflüssig werden. Deshalb könnten etablierte Player die Technologie durchaus auch als Bedrohung empfinden. So könnte die Registrierung von Abspielzeiten und die Auszahlung durch Verwertungsgesellschaften automatisiert werden. Die Transparenz der Einnahmen aus Urheber- und Leistungsschutzrechten würde sich verbessern. Auch die Kosten für Intermediäre und für Transaktionen könnten deutlich reduziert werden.

Da die Metadaten aus verschiedenen Quellen stammen und ihre Qualität äusserst unterschiedlich ist (unterschiedliche Abrechnungsmodelle, verschiedene Verträge, komplexe Besitzverhältnisse), müssten zunächst die Datensammlung und Datenabstimmung standardisiert werden. Es müssten einheitliche Prozesse und Regeln im Umgang mit Daten geschaffen werden. Auch müssten die Daten vor der Eingabe verifiziert werden. Diese Standardsetzung und der Kooperationszwang stellen eine der wesentlichen Hürden dar. Obwohl dies jedoch auch die Geschäftsprozesse zwischen den Wirtschaftspartnern der sehr heterogenen Musikbranche vereinfachen würde.

Durch das Blockchain-Prinzip ergeben sich auch neue Möglichkeiten im Marketing-Bereich. Content (Werbeinhalt) und deren Massnahmen könnten deutlich zielgerichteter angewendet werden. Die Blockchain könnte auch für höhere Sicherheit mit Blick auf Systemausfälle und Manipulationen sorgen. Wie auch eine Rückverfolgbarkeit sämtlicher Transaktionen zu jeder Zeit, sowie schnellere und kosteneffizientere Transaktionen sprechen für das Blockchain-Prinzip.
Auch grosse Musikkonzerne, die weltweite Rechte vermarkten, könnten davon profitieren. Bei Kompilationen würde eine globale Rechtedatenbank eine enorme Erleichterung darstellen. Eine solche Datenbank zu erstellen würde allerdings einen enormen Aufwand bedeuten. Zudem müssten dafür die grossen Player zusammenarbeiten, weshalb es in naher Zukunft wohl nichts damit werden dürfte. Auch für Verwertungsgesellschaften wie die SUIZA kann die Blockchain bzgl. Registrierung von Abspielzeiten und entsprechender Auszahlung von grossem Nutzen sein.

 

Globale Datenbank für das Urheber- und Leistungsschutzrecht mittels Blockchain?

Ein erster Versuch 2014 (Projekt „Global Repertoire Database“) scheiterte. Leider konnte keine Einigung über die Standardisierung der einzupflegenden Daten erzielt werden. Das könnte sich mittels Blockchain nun ändern. Den mit der Blockchain-Technologie ist es nun möglich, eine weltweite Datenbank der Musikbranche aufzubauen. Informationen können darin gespeichert werden und Abrechnungen automatisch erfolgen. Durch die permanente Aktualisierung der Daten dank der Blockchain-Technologie finden Einnahmen schneller und einfacher den richtigen Empfänger. Wechselt ein Urheber z.B. den Verlag, wird diese Information eingetragen und automatisch in den Metadaten bei allen anderen Teilnehmern angeglichen.

 

Ausblick

Ob und wie schnell sich das Blockchain-Prinzip in der Musikindustrie durchsetzen wird, steht nicht mal in den Sternen von Satoshi geschrieben. Dass es aber in absehbarer Zukunft einen erneuten Wandel geben wird, ist absehbar. So wird sich früher oder später eine Technologie, die effizienter ist als die aktuellen Systeme, durchsetzen. Effizienz war schon immer der Treibstoff für Neues und Veränderungen, vor allem in der Wirtschaft. Der weitere Rückgang von Umsätzen mit physischen Tonträgern (die Ausnahme bleiben Vinyl-Tonträger) und die steigenden Einnahmen mit Downloads und Streaming, beflügeln die Entwicklung in Richtung Blockchain und sind Wind in die Segel, des uns bevorstehenden Wandels.

Ganz unabhängig davon was der Wandel mit sich bringt, das Blockchain-Prinzip übt aktuell einen Innovationsdruck auf die Branche aus. Dieser Druck kann Chancen in Kooperationen mit sich bringen und steigert bestimmt die Effizienz und Kreativität der Branche. Die Technologie hingegen steckt noch in ihren Kinderschuhen. Es sind zunächst weitere Technologiesprünge erforderlich, damit sich Projekte auf dem Markt nachhaltig etablieren können.

So ist ein Grund für Verzögerungen dem Umstand geschuldet, dass die Bezahlung mit Kryptowährung einige Hindernisse mit sich bringt. Es müssen bestimmte Browser oder Add-ons installiert werden und vorhanden sein. Auch der Erwerb von Kryptowährungen ist mit einigen Hürden verbunden und nicht mit einer heutigen Banküberweisung vergleichbar. Herkömmliche Geschäftsmodelle zeigen sich hier noch kundenfreundlicher und vor allem, niederschwelliger und gewohnter.
Kurzfristig werden sich also die Veränderungen in der Musikindustrie durch die Blockchain-Technologie in Grenzen halten. Mittel- und langfristig wird sie aber die brancheninterne Technologieinfrastruktur verändern. Vor allem die Verwertungsgesellschaften werden davon betroffen sein. Denn Effizienzverbesserungen sind vor allem auf der Ebene der Verwertungsgesellschaften im Massenbereich und im Bereich der Lizenzvergaben, Lizenzabrechungen, Rechteregistrierung und Rechtedokumentation zu erwarten. Auch bei Vertragsdokumentationen und Prüfprotokolle für Werkanmeldungen könnte die Technologie zum Einsatz gebracht werden. Auch für die etablierten und grossen Player ergeben sich durch das Blockchain-Prinzip nicht nur Risiken, sondern auch lukrative Chancen. Verwertungsgesellschaften können so z.B. Zusatzleistungen wie die Verifizierung der eingetragenen Rechte der Künstler oder andere Dienstleistungen anbieten.

Wie auch immer unsere Zukunft aussehen wird, vorhersagen kann sie keiner und die Sterne sind aus verschiedenen Perspektiven deutbar. Viel wichtiger erscheint mir also, dass wir uns generell auf einen Wandel einlassen, dass wir ein Gefühl und Verständnis dafür entwickeln, welche Technologien da auf uns zukommen mögen und dass wir beginnen, Chancen in der Kooperation unter uns Musikschaffenden zu nutzen.